Korpskommandant Schellenberg: «Sistierung von Bodluv war ein Glücksfall»

Bemerkenswerte Zitate:

„Im Rückblick war die Sistierung [von BODLUV] politisch und inhaltlich ein Glücksfall.“

„Die Armeeausgaben haben in den letzten 20 Jahren real um bis zu 40 Prozent abgenommen, gemessen am Bundeshaushalt haben wir noch nie so wenig für die Armee ausgegeben. Das hat dazu geführt, dass wir taktisch und technisch veraltete Systeme nicht mehr ersetzen konnten und deren Nutzung einfach mit Werterhaltungsprogrammen verlängerten. Dieses Potenzial ist jetzt ausgereizt. Das hat auch der Bundesrat erkannt, der nun zu den 8 Milliarden für die Luftverteidigung auch noch 7 bis 8 Milliarden Franken für den Ersatz der anderen Systeme bereitstellen will. Wir werden aber niemals alles ersetzen können.“

„Die Alimentierung bleibt ein Problem. Um den Sollbestand von 100 000 Armeeangehörigen zu erfüllen, brauchen wir einen Effektivbestand von 140 000 Personen. Im Übergang zur WEA hatten wir gerade einmal 133 000, wovon etwa 29 000 gar nicht mehr weiterbildungspflichtig waren. Das ist äusserst knapp. Zudem haben die strukturellen Änderungen in der Organisation dazu geführt, dass einzelne Bataillone über-, andere aber unteralimentiert sind.“

Sind die Truppen vollständig ausgerüstet, wie in den Debatten um die WEA stets betont wurde?

„Die gute Nachricht lautet: Wir haben von 90 Prozent des Materials so viel, dass wir alle Truppenkörper ausrüsten können. Bei den fehlenden 10 Prozent hat es, und das ist die schlechte Nachricht, durchaus einsatzrelevante grössere Systeme wie geschützte Mannschaftstransportfahrzeuge. Ein wesentlicher Teil davon ist nicht nachbeschaffbar, weil das Material gar nicht mehr produziert wird.

Die Vollausrüstung im Rahmen der WEA ist also unmöglich?

„Wenn man eine Stammtischdefinition von Vollausrüstung nimmt, dann ist sie nicht möglich. Wenn man also meint, man müsse von allem so viel haben, dass alle Bataillone der Armee gleichzeitig ausgerüstet werden könnten – was kein realistisches Szenario ist.“

Interview auf NZZ.ch

 

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Hans Schmid

Wie lautet die „Nichtstammtischdefinition“ von Vollausrüstung Herr Korpskommandant?

Mache es dieses mal Kurz alles zu erklären, zu begründen würde sehr lang. 1. Die Aussagen bestätigen lediglich das was aufmerksame ,,Spatzen,, seit über 20 jahren von den Dächern pfeiffen, es fehlt an Menge,Masse. 2. Welchen Verlauf und WENDUNGEN ein 3.Weltkrieg bringt ist NUR im Grobraster vorher,abschätzbar. 3.Eine 1. Phase etwa 6-12 Monate wird so gut wie sicher hochtechnologisch geführt. 4.Wer da glaubt damit sei die Sache ausgestanden, der täuscht sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit gewaltig. 5.Bis alle auf tieferer Technischer Ebene ausgeblutet sind dürften das 2-5 Jahre mehr werden.(Die Phase wird verdammt hässlich.) Der Schweiz fehlen für diese 2.… Weiterlesen »

Peter Bosshard

Hiermit bestätigt der Kdt Op Kdo, dass die Armee im Ernstfall nicht voll ausgerüstet werden kann. Aber das ist ja auch nicht nötig weil der Worst Case ein völlig unrealistisches Szenario darstellt. Von wo nimmt KKdt Aldo C. Schellenberg nur diese Gewissheit? Sollten die Befürchtungen der „despektierlichen“ Stammtischrunde, an dem lauter besorgte Bürger sitzen, dereinst eintreffen, müsste er für diese Äusserung zu Rechenschaft gezogen werden.

Martin Frei

Da wäre, Peter Bosshard, aber nicht nur Schellenberg zur Rechenschaft zu ziehen, sondern eine Menge weiterer Militärs und Politiker. Nur: warum macht das eigentlich niemand? Als kleiner Bünzli muss ich nicht gegen die Verfassung verstossen, ich werde schon zur Rechenschaft gezogen, wenn ich zehn Minuten zu lange parkiere.

Felix Lambrigger

Es wird gerne behauptet: „Die Vergangenheit wiederholt sich nicht“. Ist natürlich falsch. In Tat und Wahrheit wiederholt sie sich sogar des öfteren (über einen längeren Zeitraum). Momentan erleben wir quasi die Neuauflage der 1790er Jahre. Jedenfalls zu grossen Teilen. Absolute Uneinigkeit zwischen den Eidgenossen, ein arrogantes und uneinsichtiges Denken der Führungsschicht, und schon waren die Franzosen einmarschiert. Zu dieser Zeit taten noch Zehntausende von Schweizer-Soldaten, -Offizieren, und sogar -Generale brav ihren Dienst für fremde Mächte. Aber eben nicht in der Heimat. Wohl aber gegen Frankreich. Hätte man diese Leute im eigenen Land gehabt, wäre die Geschichte höchstwahrscheinlich anders verlaufen. Martin… Weiterlesen »

Felix Lambrigger

Schellenberg spricht durchaus einige Wahrheiten aus. Aber schon mit dem nächsten Satz betreibt er quasi Defätismus. „Wir werden niemals alles ersetzen können“. Die seit Jahrzehnten stattfindende Degeneration unserer Armeeführung trägt Früchte, wie man sieht. Anstatt hin zu stehen, und klar zu kommunizieren, dass man mit 5 Mrd. (der auch 5,4 Mrd) keine Armee wie wir sie haben sollten zu finanzieren ist, werden verklausulierte Sätzchen herausgehaucht. Nur ja nicht sich mit dem inneren Feind anlegen. Man hat zu viel preisgegeben, resp. abgebaut. Die Verantwortlichen für die Verteidigung (sowohl Mil. wie Polit.) sollten endlich Klartext reden, und sich nicht aus der Verantwortung… Weiterlesen »

Am KKdt Hanslin Gedenkschiessen gedenken wir dieser Tage dem abgestürzten Beobachter der K-Mob Übung 1971. Damals wurde in 2Tagen eine halbe Million mobilisiert.
Heute bereitet man sich darauf vor, in ein paar Jahren 20’000 Mann in 5 Tagen aufzubieten. Dafür „vollausgerüstet“.
Rückten wir damals nackt ein?
Hallo?!