Kommunikation in der Krise

Kommunikation in der Krise

Einige Kantone machen grobe Fehler in der Krisen-Kommunikation!

Die Kommunikation des Bundesrates und der Bundesverwaltung kann als ausgezeichnet bezeichnet werden: es finden regelmässige Medienkonferenzen und „Point de Presse“ statt, wobei die Verantwortlichen den Medienschaffenden Red und Antwort stehen. Auf dem Web immer und im SF DRS oft direkt übertragen. Das ist Bürger-Nähe! Vielen Dank!
Wie aber sieht es aus bei den Kantonen? Wie gut unsere Behörden und Organe Krisen wirklich bewältigen, zeigt sich erst in einer Krise. Diese ist nun da. Aber noch nicht bei allen Kantonen angekommen.

Jeder und jede Leserin kann selber online beurteilen, wie es in seinem/ihrem Kanton diesbezüglich aussieht.
Stellvertretend sei ein Fallbeispiel exemplarisch dargelegt und kommentiert (Stand 21.März 2020, nach 1700 Uhr).

Kanton Luzern (www.lu.ch, Homepage)

  • Positiv: Der Regierungspräsident tritt mit mehreren Videobotschaften in Erscheinung, spricht direkt zum Volk. „Gesicht zeigen“ ist in der aktuellen Lage essentiell. Das schafft Vertrauen!
  • Positiv: Es wird gezeigt, dass der Kanton etwas unternimmt: sehr guter Videobeitrag zum Einsatz des Luzerner Zivilschutzes. Es geht etwas!
  • Positiv: Die gesamte obere Hälfte der Homepage ist für die Corona-Krise reserviert. Dadurch wird kommuniziert, dass die Bewältigung dieser Krise für die Regierung absolute Priorität geniesst. Damit trifft die Regierung exakt die Erwartungslage der Bevölkerung.
  • Positiv: Es wird plakativ gross eine lokale Hotline mit 041-Vorwahl für die besorgte Bevölkerung angeboten. Damit zeigt die Regierung, dass sie die Sorgen der Bevölkerung ernst nimmt. Im weiteren ist garantiert, dass die Beratung lokal verankert und auf die lokalen Gegebenheiten abgestimmt ist. Die Betreuung der Hotline erfolgt m.W. mit Unterstützung des Luzerner Zivilschutzes. Sehr unschön dabei sind einzig die „Bürozeiten“. Corona kennt keine Bürozeiten.
  • Positiv: es wird mit Piktogrammen auf die Informationen des Bundes/BAG verlinkt.

Gesamturteil:
ausgezeichnete Krisen-Kommunikation zur Bevölkerung. Gratulation!

viele andere Kantone

wir zeigen hier keine konkreten Beispiele auf. Bei mehreren Kantonen sind u.a. folgende Kommunikations-Defizite und Fehler zu monieren. Abhilfe müssen die Bewohner der Kantone durch Einflussnahme auf ihre Organe selber schaffen.

  • Negativ: sehr zögerliche Kommunikation auf einer Homepage die mit zurzeit völlig nicht interessierenden Themen vollgestellt ist. Immerhin weisen viele Homepages auf eine Unter-Seite weiter, wo dann in Copy-Paste-Manier die Informationen des BAG wiedergegeben werden, versehen mit ein paar kantonalen Umsetzungen.
  • Negativ: Es ist kein „Gesicht“ der Regierung da. Die Regierung spricht nicht zum Volk.
  • Negativ: Die Bevölkerung wird gar nicht über Aktivitäten der Regierung oder des Führungsstabes informiert. So ist vielerorts beispielsweise nicht bekannt ob der Zivilschutz aufgeboten ist oder nicht. Die Bevölkerung hat auch ein Recht zu erfahren, ob der Kanton ein Unterstützungs-Begehren an die Armee gestellt hat und für was.
  • Negativ: Die Ansprache des Themas erst auf einer Unterseite suggeriert der Bevölkerung, dass die Krisenbewältigung für die Regierung nicht prioritär ist, respektive die gleiche Priorität hat wie die gleichrangig auf der Homepage publizierte Inhalte, die nicht mit der aktuellen Krise im Zusammenhang stehen.
  • Negativ: Ein veraltetes Datum auf der Unterseite zeigt den Lesenden, dass diese Seite nicht laufend aktualisiert wird. Die Lage entwickelt sich indes exponentiell und nicht linear. Es darf erwartet werden, dass die Informationen mehrmals am Tag nachgeführt werden, deshalb ist auch die Uhrzeit der Mutationen wichtig.
  • Es gibt Kantone, die einen schlanken Staat betreiben, mit einem Minimum von staatlichen Angestellten. Unter diesem Motto hat man auf die Festanstellung von Kommunikations-Fachleuten verzichtet (Bsp Zug). Diese Lücke müsste man natürlich im Ernstfall sofort durch Beizug externer Ressourcen schliessen, was bisher offensichtlich mancherorts unterblieben ist.
  • Negativ: Oft sind kantonale Medienmitteilungen publiziert.
    Diese verbreiten zum Teil Botschaften, die schlicht unwahr sind.
    Beispiele:
    – es gäbe “genügend Test-Kapazitäten” für die Bevölkerung (Bsp Zug). Absichtlich ohne Zahlen-Angabe. Teilt man die gemäss BAG zurzeit möglichen 2‘000 Tests pro Tag bevölkerungsproportional auf, kann sich jeder selber ausrechnen, wieviele Tests für den ganzen Kanton inklusive Spital-Personal und Arztpraxen zur Verfügung stehen. Auf jeden Fall niemals “genügend” wie dies wieder besseren Wissens behauptet wird!
    Die Folge werden massive (Quarantäne-)Ausfälle beim Personal im Gesundheitswesen, beim Zivilschutz und bei den Armeeangehörigen sein (das VBS hat bereits mehrere Hundert Ausfälle bestätigt – Point de Presse 21.3.2020, Aussage von Brigadier Droz)
    – oft wird nicht informiert über die konkrete Anzahl von Plätzen in den Intensiv-Stationen. Zahlen werden vorenthalten. Es kann auch nicht stimmen, dass das BAG diese Zahlen nicht hat. Schon gar nicht mitgeteilt wird, ab wann zu erwarten ist, dass die Kapazitäten voll ausgelastet sein werden und zur “Triage” übergegangen wird.

Gesamturteil:
vielen Kanton fehlen entweder Kommunikations-Fachleute oder die Regierungen nehmen die Sorgen der Bevölkerung nicht ernst! Sie betreiben ein hochriskantes Spiel mit dem Feuer! Niemand scheint dort die obenstehende Handlungsanweisung des nationalen Pandemieplans zu kennen oder befolgen zu wollen!

Diese Regierung sollen sich dann aber nicht darüber beklagen, dass die Bevölkerung die Situation nicht ernst nimmt und die Verhaltensvorschriften leichtfertig missachtet.

P.S. Was hat die Gruppe Giardino für eine starke Miliz-Armee mit der Corona-Krise zu tun?
Erstens ist die Miliz-Armee längst im Einsatz und zweitens ist das übergeordnete Ziel unserer Armee, unsere Bevölkerung zu schützen. Die Armee ist dabei nur eines von zahlreichen Instrumenten – dieser Sachverhalt ist auch im Sicherheitsverbund Schweiz SVS gut abgebildet. Unser übergeordnetes Interesse gilt dem Schutz der Bevölkerung.
Zum zweiten ist es sehr aufschlussreich, die diversen Akteure bei der Bewältigung einer Krisensituation „von aussen“, sprich „aus Bürger-Sicht“ zu beobachten. Einiges läuft sehr gut, anderes weniger. Es ist jetzt aber sicher nicht die Zeit der Schuldzuweisungen. Eine umfassende Aufarbeitung wird nach überstandener Krise sicherlich kommen. Es ist wichtig, dass wir unsere Beobachtungen und Erkenntnisse während der Krise sorgfältig analysieren und protokollieren, um den späteren Handlungsbedarf aufzuzeigen.
Es ist leider ein schwacher Trost, dass die Gruppe Giardino schon seit zehn Jahren auf zahlreiche Versäumnisse, Missstände und Fehlentwicklungen hinweist. Unsere Warnungen sind immer in den Wind geschlagen worden.
Im übrigen ist es nicht das Ziel der Gruppe Giardino, “zu gefallen”. Es ist unsere Aufgabe als NGO, Handlungsfelder aufzudecken und Handlungsoptionen zu erarbeiten und zu publizieren.

Willi Vollenweider, alt-Kantonsrat, Präsident Gruppe Giardino, Zug
(dieser Beitrag gibt die persönliche Meinung des Autors wieder)

Nachtrag: Kanton Luzern, Stand 25. März 2020: Die Homepage wird regelmässig aktualisiert, Medienkonferenzen live übertragen! Der Kanton Luzern zeigt allen vor, wie es gehen muss, nicht kann!