Vorausschauend handeln oder periodisch den Kopf anschlagen?

Vorausschauend handeln oder periodisch den Kopf anschlagen?

von Gotthard Frick

Quellen der Zitate zur WEA: VBS, Die Zukunft der Bodentruppen (“VBS”), 2. Ausg, Mai 2019, 150 Seiten, und Bundesrat, Umsetzung der Weiterentwicklung der Armee (“BR”), 24. Seiten, 7. Juni 2019.

Die NZZ brachte es am 3.April in einem längeren Artikel von Herrn Mark Dittli auf den Punkt:
“Wir leben in einer verwöhnten Gesellschaft, in der die Leute glauben, wir hätten ein Anrecht auf ein wunderbares Leben”.

Die unerwartete Katastrophe
Vor wenigen Wochen haben wir uns den Kopf angeschlagen, weil – von wenigen Ausnahmen abgesehen – niemand an eine Pandemie dachte, ausgelöst durch ein noch unbekanntes Virus. Mental wie materiell waren wir auf ein solches Ereignis nicht vorbereitet. Erst jetzt ist allen die Möglichkeit von Epidemien wieder bewusst geworden, obschon uns die Geschichte seit uralten Zeiten zeigt, dass nach längeren “normalen” Zeiten grossflächige Katastrophen unterschied-lichster Art eintreten können. Nur interessiert das im Wohlstandsrausch niemanden oder es wird behauptet, heute sei alles anders und aus der Geschichte könne man keine Lehren ziehen.
Alle hoffen nun, sobald als möglich unser weltgeschichtlich und weltweit einmalig gutes Leben wieder uneingeschränkt aufnehmen zu können. Das ist legitim und auch ich hoffe es. Aber die Corona-Krise sollte uns wieder gelehrt haben, dass wir auch langfristig denken und uns bewusst sein sollten, dass es andere, noch katastrophalere Ereignisse gibt, die seit Menschengedenken auch immer wieder vorkommen, und dass wir uns vorbereiten, um sie möglichst zu verhindern oder mindestens den Schaden zu begrenzen: Kriege und grossflächige, mit Gewalt verbundene Zusammenbrüche gehören dazu.

Ein Krieg als weitere, aber verleugnete Möglichkeit
Als Teil einer Auseinandersetzung unter den grossen Mächten ist ein Krieg in Europa in den kommenden Jahren gut möglich. Im Konsumrausch wollen wir es nicht wahrhaben. Viele fordern jetzt sogar, die Mittel für die Landesverteidigung für andere Zwecke einzusetzen, wie in der NZZ zitierte Aussagen zeigen (NZZ 11.04.2020, “Welche Armee darf es nach dem Corona-Einsatz sein?”). Neu steht jetzt für die Armeeabschaffer natürlich an einer vorderen Stelle die Vorbereitung auf Epidemien. Für Priska Seiler Graf, eine der SP-Armeeabschafferinnen, liegen die grössten Risiken im zivilen Bereich. Das Risiko mit den katastrophalsten Folgen, mangels einer kriegsverhindernden Armee in den nächsten Krieg gezogen zu werden, sieht sie nicht.

Die geopolitische Lage der Welt

Aber ein Blick auf die geopolitische Lage zeigt uns, was wir nicht sehen wollen.

USA
Eine neue Weltordnung ist im Entstehen. Wie sie aussehen wird, können wir noch nicht wissen. Die USA wollen die dominierende Macht bleiben, koste es was es wolle. Seit dem Beginn der Aera Trump wurde das Militärbudget von rund 450 auf über 700 Milliarden $ erhöht.

Russland
Russland bot dem Westen nach dem um 1990 erfolgten Zusammenbruch der Sowjetunion an, sich Europa als gleichberechtigter Parner anzuschliessen. An der 43. Münchner Sicherheits-konferenz vom 17.05.2007 sagte Putin unter Bezug auf das Ende der Sowjetunion: Das russische Volk habe “eine Wahl zugunsten der Demokratie und Freiheit, der Offenheit und echten Partnerschaft mit allen Mitgliedern der grossen europäischen Familie” getroffen.

Aber schon vorher war es vom Westen zutiefst verletzend zurückgewiesen worden. Stattdessen geschah Unerhörtes, obschon auch der Bundesrat bestätigte (SIPOL 2016, S22/23): “Nach dem Kalten Krieg haben die russischen Streitkräfte einen beispiellosen Niedergang erlebt”, das heisst, dass die Bedrohung wegfiel, die vor langer Zeit als Begründung für den Aufbau der NATO diente. Aber statt sich aufzulösen, hat sich die NATO weiter vergrössert und ein ehemaliges Mitglied des Warschauerpaktes und der Sowjetunion nach dem anderen aufgenommen und ihre mit viel schweren Kampfmitteln ausgerüsteten Kampfverbände immer näher an die Grenzen Russlands in Stellung gebracht und den Westen des Landes umzingelt – von der Türkei bis zu den baltischen Staaten. Sie führt immer wieder Manöver in der Nähe Russlands durch, mit ihren Kriegsschiffen auch im Schwarzen Meer. In Rumänien und Bulgarien haben die USA Militärbasen aufgebaut, z.B. als Teil ihres Raketenabwehrsystems. Offiziell ist es gegen Iran gerichtet. 1998/99 beschloss der Westen, unter Verletzung der UNO-Charta, Kosovo von Serbien abzuspalten. Vorwand waren u.a. der Schutz der Kosovaren, dabei wurde ausgeklammert, das auch Kosovaren Serben bestialisch ermordet hatten. Dann zwangen die USA/NATO Serbien mit 28’000 Präzisionsbomben der Abspaltung Kosovos zuzustimmen – ohne Zustimmung der UNO. Was wohl die wenigsten wissen: Die USA haben in Kosovo eine ihrer grössten, gegen Russland gerichteten Auslandbasen, das Camp Bondsteel aufgebaut. Dem hätte Serbien, dessen Teil Kosovo war, nie zugestimmt. Rückblickend könnte dieses Projekt der wahre Grund für den Angriff auf Serbien gewesen sein. Nach der Niederlage Serbiens beschloss die UNO, dass der Westen im Kosovo eine Streitmacht zur Stabilisierung des Landes stationieren darf, der auch Truppen aus der offiziell neutralen Schweiz angehören, die so den völkerrechtswidrigen Krieg der USA/NATO rückwirkend billigt. Die chinesischen Leitmedien schrieben sarkastische Artikel über die Heuchelei des Westens, der die Abspaltung Kosovos guthiess, aber im Fall der Krim Russland verurteilte.

Wie US Präsident Kennedy 1962 (Kubakrise) im umgekehrten Fall, hat auch die politische und militärische Führung Russlands, Medwedew, Putin u.a. mehrmals klar gesagt, diese Bedrohung an seiner Grenze nicht zu akzeptieren und mangels einer gütlichen Einigung militärisch dagegen vorzugehen. Bald dürfte es dazu in der Lage sein. Es rüstet auf und scheint in gewissen Bereichen (Hyperschall-Waffen, auch solche grosser Reichweite, und Luftabwehrwaffen) weltweit an der Spitze zu stehen. Wohl auch bei den neuen Kriegsmitteln (Cyber-, Weltraum-, Strahlen-, ABC-Waffen, dem NEMP) dürfte es mit den führenden Mächten gleichziehen.

Kurz vor dem Ende der Sowjetunion, versicherten führende westliche Politiker Russland, die NATO werde sich nicht weiter nach Osten ausdehnen. Dazu sagte Putin 2007 an der Sicherheits-Konferenz: “Gegen wen richtet sich diese Erweiterung? … Wo sind jetzt diese Erklärungen? An sie erinnert man sich nicht einmal mehr. … Ich möchte ein Zitat von einem Auftritt des Generalsekretärs der NATO, Herrn Wörner, am 17. Mai 1990 in Brüssel bringen. Damals sagte er: ‘Schon der Fakt, dass wir bereit sind, die NATO-Streitkräfte nicht hinter den Grenzen der BRD zu stationieren, gibt der Sowjetunion feste Sicherheitsgarantien.’ Wo sind diese Garantien?»

Nach der demütigenden Rückweisung Russlands, die auch ein katastrophaler strategischer Fehler des Westens war, hat es sich rasch China angenähert, obschon dieses wegen der Erinnerungen an die Kolonialzait auch Russland gegenüber noch gewisse Vorbehalte hat. Mit anderen Worten, der Westen hat das bedeutende militärische Potential Russlands auf die Seite Chinas geschoben. Diese Verschiebung könnte in einem globalen Konflikt zur Niederlage der USA/NATO führen.
Die russischen Streitkräfte wurden wieder aufgebaut und führen viele, sehr grosse Manöver durch, meistens aus dem Stand innert dreier Tage an oft weit entlegenen Einsatzorten. Immer wieder sind chinesische Verbände beteiligt. Beim russischen Grossmanöver “Wostok 2018” im Fernen Osten nahmen 300’000 Soldaten, viele tausend Panzerfahrzeuge*), mehr als 1000 Flugzeuge, Helikopter und Drohnen, sowie aus China und der Mongolei mehrere tausend Mann mit schweren Kampfgeräten teil. Schon seit längerem führten die Flotten der beiden grossen Mächte gemeinsame Manöver im Pazifik durch, seit 2015 auch Scharfschiessen im Mittelmeer und erstmals im Juli 2017 Manöver in der Ostsee, an dem drei chinesische Kriegsschiffe beteiligt waren. Die chinesischen Zeitungen schrieben darüber, die Manöver sollen “die strategische Partnerschaft und Koordination zwischen China und Russland stärken und ausbauen…”. Sind wir uns bewusst, was das bedeutet?

China
Fortsetzung siehe PDF, unten.

Gotthard Frick, ehemaliger Major (Inf Bat Kdt)

Gotthard Frick war einer der beiden vollamtlichen Sekretäre der “Aktion Sofortprogramm für die Verstärkung unserer Abwehrbereitschaft“, die 1957 zu einer grossen landesweiten Volksbewegung wurde und das grosse zusätzliche Rüstungsprogramm 1957 im Parlament fast einstimmig durchbrachte. (Sturmgewehr, Centurion, 700 Panzerabwehrkanonen, Kampfflugzeuge etc.). Er hat die Unterschriften aller eidgenössischen Parlamentarier zu den Forderungen, welche 5 Basler Milizoffiziere aufgestellt hatten, beschafft (Ausnahmen: PdA und 1 Pazifist), bevor die Session im Herbst 1957 begann.
Vor der Annahme der “Konzeption 61” mit Divisionär Alfred Ernst (dem späteren KKdt) und Divisionär Max Waibel hat Gotthard Frick im ganzen Land Vorträge organisiert und auch selber geredet.
Gotthard Frick hat im Laufe der Jahre die deutsche Bundeswehr, die Pakistanische Armee, die Khyber Rifles, das NATO-Hauptquartier in Brüssel, die US Luftwaffenbase Mannheim und die US Basen am Panamakanal besucht.

Gotthard Frick Business administrator & economist, Dipl. “Sciences Po” & Sorbonne, Paris.
Birsigstr. 13, CH-4103 Bottmingen, Tel. +41 (0)61 421 87 26, [only when no answer: +41 (0) 79 27 99 146], gotthard.frick@bluewin.ch