Über den Sinn der Armee

Über den Sinn der Armee

Wie allgemein bekannt ist, richtet sich eine Armee an ihren Gegnern aus. Weit weniger präsent im allgemeinen Bewusstsein ist, dass eine Armee aber auch auf das eigene Land, seine Institutionen und Geschichte ausgerichtet ist.
Wenn die Armee heute sich nur als “Sicherheitsproduzent” darstellt, reduziert sie sich selbst darauf, allein auf eine (noch nicht/kaum sichtbare) Bedrohung ausgerichtet zu sein. Dabei ruht unsere Milizarmee auf Zusammenhängen, die relativ unabhängig von jeglicher Art von Bedrohung weiter spielen. Und diese Zusammenhänge werden dem Soldaten von seinem Vorgesetzten niemals vermittelt. Ob sie es in der Schule noch werden, vermag ich aus meiner Warte nicht zu sagen. Von den Medien erfahren die jungen Männer bestimmt nicht, welchem höheren Zweck sie mit ihrem persönlichen Zeitopfer dienen. Anders als bei Schule und Medien hat die Armee aber während des Militärdienstes ihrer Angehörigen die einmalige Chance, diese Wissenslücke zu stopfen.
Persönlich wurde ich im Verlaufe meines Studiums und Militärdienstes zu einem sehr dogmatischem Befürworter unserer Milizarmee. Eine Direkte Demokratie, die ihren Bürgern nicht nur Wahl-, sondern auch Entscheidungskompetenz eingesteht (Stimmrecht), muss sie auch dazu verpflichten/befähigen, ihre Entscheidungen letzten Endes mitzutragen. Wenn der Souverän an der Wehrpflicht und Milizarmee festhält, dann legt er damit zugleich eine Stimme gegen ein grösseres militärisches Engagement der Schweiz jenseits ihrer Grenzen ab. Dafür erklären sich die Bürger bereit, sich selbst oder ihre Angehörige als Wehrpflichtige zur Verteidigung des eigenen Landes zu befähigen und zu verpflichten. Die Sicherheitspolitik der Schweiz wäre weiterhin fundamental anders geartet als die der übrigen europäischen Staaten.
Wie erklärt man das dem Soldaten, der vor seinem Eintritt in die RS nur von den Medien vermittelt bekommen hat, dass in Europa der grosse Frieden ausgebrochen ist? Folgender Ansatz scheint mir vermittelbar:

  1. Der Schweiz geht es in praktisch jeder Hinsicht besser als den anderen Demokratien.
  2. Die Schweizer Demokratie ist etwas anders als die anderen Demokratien.
  3. Unser grösserer Erfolg dürfte also durch diese Andersartigkeit erklärbar sein. Dieser Unterschied ist die Direkte Demokratie, gelebter Föderalismus, das Subsidiaritätsprinzip in den inneren Angelegenheiten. Sprich: minimale Verantwortung beim Staat, maximale beim Einzelnen, Solidarität mit jenen Einzelnen, die diese Last nicht schultern können. In so einem Staatswesen ist es undenkbar, die Sicherheit aller in die Hände möglist weniger zu legen.
  4. Wer via Stimmzettel entscheidet, muss für seinen Entscheid einstehen können. In den nächsten Jahrzehnten bedeutet dies: für die weiterhin einzige Direkte Demokratie der Welt einzustehen. Die allgemeine Wehrpflicht, die Waffe daheim: Sie sind die gelebte Realität und Grundlage all dessen, was die Schweiz zu dem gemacht hat, worauf wir heute alle so stolz sind.

Nicht umsonst sind praktisch alle Gegner und Saboteure der Schweizer Milizarmee offene oder heimliche Befürworter eines EU-Beitritts der Schweiz. Sie wollen unser einzig Staatswesen der Angleichung an unsere Nachbarn opfern. Da ist die Milizarmee genau so ein Hindernis wie die Direkte Demokratie, Föderalismus, Neutralität etc.
Wenn wir uns manchmal wundern, warum der Gesamtbundesrat sich bei allem Desinteresse für unsere Armee die ‘Mühe’ macht, sie dennoch weiter zu schwächen, dann liegt dies daran, dass die Damen und Herren strategisch weiterhin im Sinne jenes Beitrittsgesuches arbeiten. Sie glauben fest, dass der Frieden in Europa ausgemacht ist – damit ist eine Verteidigungsarmee für sie ohenhin überflüssig. Als Milizarmee ist sie sogar pures Gift für ihre politischen Masterpläne. Da eine direkte Abschaffung via GSoA kaum gelingen wird, begnügt man sich in Bern mit einer anhaltenden Auszehrung der Armee.
Die Leistungen von BR Maurer und des CdA werden daran gemessen werden müssen, wie es ihnen gelang, diesen subtilen, langfristigen Zersetzungsprozess aufzuhalten.
Die Armee scheut sich vielleicht aus übertriebener Rücksichtnahme auf Zeitgeist/Politik etc. davor, ihren Soldaten über die Kader eine inhaltliche Legitimierung für ihr Tun zu geben. Ob die meisten Offizieren überhaupt in der Lage wären, die Zusammenhänge von Milizprinzip, Direkter Demokratie und Schweizer Geschichte selber darzulegen, ist eine andere Frage.
Wenn das VBS den HSO ihre ‘Reden vor der Truppe’ schon vordiktieren will, täte es gut daran, etwas von den oben aufgeführten Gedankengängen miteinzubeziehen. Die Truppe muss nicht nur verstehen, dass sie “Sicherheit generiert”. Man muss ihr auch erklären, warum gerade sie und nicht ein paar Super-Elite-Mega-Spezialeinheits-Soldaten diesen Job machen müssen.

 

Kommentare: 6

  1. Fredy Stuber sagt:

    Die Schweiz ist nicht und hat nicht das beste politische system, jedoch ist weltweit ein besseres system nicht zu finden!
    Nur eine milizarmee kann das in der Schweiz erhalten was aktuell noch übrig ist.
    Im ausland (speziell in Deutschland – nicht von den EU-Brüssel politmarionetten im deutschen bundestag – nicht im EUROPA von Brüssel) wird die Schweiz noch für eine gut bis sehr gute demokratie gehalten, da das volk noch die möglichkeit hat auf die politik einfluss zu nehmen.
    In Brüssel Europa ist das nicht mehr möglich! Da herrschen „nicht gewählte bankster“.
    Die Schweiz muss wieder unabhängig werden, so habe ich den text (der einen klaren überblick verschafft) von Fritz Kälin verstanden.
    Für eine freie unabhängige Schweiz in der aktuell weltpolitisch und ganz wichtig innenpolitischen situation, ist eine moderne flexible milizarmee und eine dezentralisierte politik, wie Friz Kälin es im text Absatz 1. – 4. auf den punkt bringt (Sprich: minimale Verantwortung beim Staat, maximale beim Einzelnen ….) die einzige sichere möglichkeit.

  2. Max Salm sagt:

    Wann endlich merken die Unternehmer wieder, wie nützlich die militärische Kaderausbildung in einer Milizarmee ist?
    In einer Milizarmee müssen die Vorgesetzten die Mannschaften überzeugen und erzielen dann beste Leistungen. Die modernen Manager hingegen, wie auch die Kader einer Berufsarmee, können das nicht, sie können nur befehlen und erwarten Kadavergehorsam. Entsprechend minimal sind dann auch die Leitungen.
    Max Salm

  3. Willy Schlachter sagt:

    Gratulation an Fritz Kälin, hervorragend formuliert.

  4. M. E. sagt:

    Sehr geehrter Herr Kälin…!
    Hiermit gratuliere ich Ihnen herzlich zum obenstehenden exzellenten Aufsatz.
    Betreffend der Vermittlung von (Schweizer-)Geschichte verhält es sich heutzutage wie folgt. Schon zu meiner Zeit (Jg. 62) kam es vor, dass Geschichte eher Stiefmütterlich behandelt wurde, und soviel ich weiss ist es seither eher nicht besser, sondern nur noch schlimmer geworden. Schuld daran, sind allen voran die Erziehungsdirektoren der Kantone Die die Studienpläne gestalten.
    Meinerseits Herr Kälin, finde ich diese Entwicklung mehr als bedenklich. Aber eben, wir sind nur eine Minderheit…….!

  5. Martin Brand sagt:

    ich bin auch der Meinung dass die Geschichte nicht gut genug and die Schüler vermittelt werden kann.
    Frage: wem wurde in der Schule etwas darüber erzählt wie am 9. November 1932 die Schweizer Armee in Genf ein Blutbad unter den Teilnehmern eines antifaschistischen Protestes angerichtet hat bei dem 13 Arbeiter getötet und mehr als 60 verwundet wurden.
    Geschichte bringt’s:

    • Fritz Kälin sagt:

      Dieser Teil unserer Geschichte gehört durchaus auch erzählt. Dazu muss man aber auch erklärend (keineswegs entschuldigend) sagen, dass bis weit in die 1930er hinein (nicht nur in der Schweiz) die Furcht vor dem Kommunismus weit ausgeprägter war als diejenige vor dem Faschismus. Und jedes extreme ideologische Lager pflegte jeweils mit seinem ‘Anti-ismus’ seine eigenen Untaten zu legitimieren.
      Ereignisse wie ‘Genf 1932’ sind niemals ‘nur Geschichte’. Heute stellt sich unsere Armee wieder vermehrt (nolens volens) als “einzige Sicherheitsreserve” dar und offenbar ist sie die einzige Institution im Staat, die noch sicherheitspolitisch denken kann und über den tagespolitischen Tellerrand hinaus schaut. Dass die Armee dies tut, ist richtig und wichtig. Aber auch das beste selbstkritische Denken ist kein Ersatz für echte Kritik von aussen. Aber Politik und Zivilgesellschaft, ja selbst die schärfsten Armeefeinde wollen sich nicht mit den neuen Aufgaben der Armee auseinandersetzen, weil damit zwangsläufig öffentlich würde, dass die süsse Friedensdividende längst aufgebraucht ist. Die Schweiz scheint die Dividende bislang besser investiert zu haben als ihre Nachbarn (noch kann sie sich ihren Wohlfahrtsstaat leisten). Das Paradoxe ist: je einsamer wir mit unseren Erfolg in Europa dastehen, desto grösser werden die daraus resultierenden sicherheitspolitischen Probleme für uns.

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